INIQUUM
                                                                                               Roman






JENSEITS
DER
GRENZLINIE
                                                                                                    






von
Michael Walker
















 
"Now I understand what you tried to say to me,
and how you suffered for your sanity..."
_Don McLean

"So dream on, little Broomstick Cowboy
Dream while you can
For soon, you'll be a dreadful thing
My son, you'll be a man"
_Bobby Goldsboro

"Die Frömmigkeit sieht hier den Frevel nur.
Das Gefühl bewundert und die Vernunft verstummt."
_Jean-Jaques Rousseau

"I'm just another local kid from the street
getting paid from my vocals
Here is something you can't understand
How I could just kill a man"
_Cypress Hill
 

Prolog

 

Der Peiniger träumte ein sorgloses Leben jenseits der Grenzlinie und der Regulator kam ihm nach, Hölle und Gerechtigkeit im Holster, gleichgültig, ob die Welt daran zugrunde ginge.

Er war nicht immer Regulator der Vedusen gewesen und es war ihm auch nicht bestimmt gewesen, einer zu werden, weder vor noch nach der „Großen Kollision der Welten“. Er war vierundvierzig Jahre alt, und sein Körper signalisierte ihm dies regelmäßig mit der Gewissheit einer Tageszeitung. Ethan Vaughnan Crush hatte eine ausgeprägte Wahrnehmung und einen messerscharfen Verstand, aber als Regulator war er zu alt, um im Namen des Ordens der Vedusen ihre Pistolen zu tragen und ihren Willen durchzusetzen, denn sein Körper war stumpf vor Substanzen und an Jahren. Er wusste das nicht mit Sicherheit, aber so sprachen Leute, die es wissen mussten. Ihm schien eher der Tod im kommenden Jahrzehnt bestimmt zu sein, mit traurigen und kreisenden Erinnerungen und über ein schwarzes Fotoalbum gebeugt. Vielleicht hätte es mit einem Herzinfarkt oder Hirnschlag vor einem laufenden Fernseher geendet, wäre die Welt noch voller Strom wie einst.

Da er keiner Religion angehörte, hätte ihn wohl auch kein Geistlicher zu Grabe begleitet, geschweige denn etwas über seinen Tod zu sagen gehabt.

Magda Gabbels Wayridge hingegen hatte zu seinen Lebzeiten über ihn etwas zu sagen, als sie ihn und ihre junge Tochter zusammen sah und mutmaßte, was sich abzeichnete. Zunächst flüsterte sie nur der jungen Shivaughne zu, sie solle ihm keine großen Hoffnungen machen, aber als das nicht auszureichte, wurden ihre Sätze abfälliger, gemeiner, persönlicher, ihr Handeln verächtlicher. Ein Urteil über Ethan Crush selbst – und ob es nun Zufall oder Fügung war: Sie fand diesen einen Satz, um den Mann bis ins Mark zu verletzen. So bekam sie ihren Willen, denn Ethan zerstörte in Schmerz und Raserei alles, was er liebte und mehr noch, mehr noch.

Nachdem Magda Gabbells fertig war und sich beruhigt zurücklehnte, weil sie ihn aus dem Leben ihrer Tochter entfernt hatte, fand sich Ethan zumeist am Boden einer Flasche wieder, und das Elend, das er über sich brachte, schmiedete ihn mit grober Hand. Mit jedem Schlag ging dabei in ihm etwas verloren, bis auch jenes schwarze Fotoalbum mit all seinen schönen Bildern zerbrach. Die Erinnerungen fielen aus dem Buch wie lebendig gewordene Schmetterlinge, deren Flügelschlag einst Freude und Glück verhieß, lösten sich ins Nichts auf.

Sie sprach diesen einen Satz, diesen einen Schlag ins Gesicht, nicht selbst. Sie hatte dafür ihre Tochter zu Crush schicken lassen, um ihm auszurichten, dass es Mutter sehr traurig machen würde, wenn Shivaughne ein gemeinsames Leben mit dem Älteren einginge.

Vaughnan raste vor Zorn, denn er fühlte, dass Magda Gabbells ihn in Wahrheit mit dem Peiniger auf eine Stufe stellte und alle Ablehnung, die er bis hierhin durch sie verspürt hatte, endete in einem Zorn, der nach allem ausschlug, was ihm teuer war. Er lud sich eine Schuld auf, die nicht abzutragen war.

Aber er konnte sühnen, und der Ort dafür war jenseits der Grenzlinie in Camenis. Er nannte ihn den Peiniger; sein richtiger Name war Lucas Frederic McVeighde. Dies war sein Canossa.

So nahm Vaughnan ein Brandeisen mit dem Symbol der Flamme, und als es vom Bunsenfeuer rot glühte, rammte er es sich selbst in den Arm. Dreißig endlose Sekunden brennender Haut, versengten Fleisches und Rauchs, begleitet von einem Schrei, den keine Wände verdecken konnten. Das Chakar verlangte das Mal, das Brandzeichen, die Ächtung. Er hätte sich mit Benzin übergießen und anzünden können, und es schien ihm, als würde das nicht so sehr schmerzen wie sein Verlust. Dann machte er sich auf, das Haus Sessar der Vedusen zu finden, um um Aufnahme in die Reihen der Regulatoren zu bitten, wenn nötig zu betteln.

Vor einem laufenden Fernseher würde er nun nicht mehr sterben, und der Peiniger würde bald nicht mehr träumen.

Alles, weil Magda Gabbels Wayridge ihren Willen bekommen hatte.              

                          
 

Erster Teil
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Der Vorleser und der Regulator
















 

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